Festival-Nachbericht

Greenville Festival 2013


Jahr für Jahr tauchen immer neue Namen in der Festivallandschaft auf, jede noch so kleine Ortschaft scheint zwischen Juni und September inzwischen ein Wochenende lang von Zelten, selbstgebastelten Musikanlagen und Einweggrills eingenommen zu sein. 2012 kam mit dem Greenville Festival ein Neuling dazu, wir waren bei der zweiten Ausgabe Ende Juli dabei.

Dass nicht alle diese Großveranstaltungen eine Zukunft haben, zeigt das laufende Jahr 2013 besonders deutlich. Das Area4 wurde gleich anfangs begraben, das BootBooHook mit einigem Vorlauf und das Omas Teich Festival nur zwei Tage vor dem eigentlichen Beginn. Bei letzterem waren die Veranstalter des Greenville Festivals mit an Bord und so bot man den enttäuschten Ostfrieslandfahrern die Möglichkeit an, einen Großteil des Lineups in der Nähe von Berlin zu erleben. Kurzfristig mussten also nicht nur einige Besucher improvisieren, sondern auch auf Seiten des Veranstalters wurde umgeplant. Schon die Erstauflage des Greenville 2012 hatte zwar viel Potential offenbart, leistete sich aber diverse organisatorische Mängel, die sich leider auch in unserem Bericht der Neuauflage in diesem Jahr wiederfinden. Dennoch hatte das Wochenende so einiges zu bieten, und um die Dinge, die ein Festival ausmachen, individuell würdigen zu können, schauen wir nun auf die wichtigsten Kategorien zurück.


Die Headliner

Nahezu jedes Festival steht und fällt mit den Bands, die auf den Plakaten die erste Reihe zieren. An dieser Stelle kann das Greenville auf jeden Fall punkten. Die Headliner Bloodhound Gang, Wu-Tang Clan und Nick Cave & The Bad Seeds lesen sich zwar wie ein "Best-Of-damals", bürgen aber gerade im Falle Nick Caves für einen Namen ersten Ranges. Die sehr unterschiedlichen Stile (ein Eindruck, der sich mit einem Blick auf das Mittelfeld noch verstärkt) sind zudem ein Indiz für die Zielsetzung, viele unterschiedliche Menschen begeistern zu können – beziehungsweise, um Tageskarten zu verkaufen. Wer das ganze Festival mitnimmt, bekommt ein entsprechend buntes Programm.


Wu-Tang Clan // Photo Credit: Mischa Karth

So unterschiedlich die Genres, so weit liegen auch die Auftritte der Künstler auseinander. Die Bloodhound Gang, einst musikgewordener Pubertätshumor, verzichtet bei dieser Reunionshow auf die teilweise ekelhaften Bühnenelemente vergangener Tage und lässt zu ihren Hits lieber im Hintergrund eine billig aufgemachte Powerpointpräsentation mit Witzchen auf dem Niveau "Hihi, er hat Titten gesagt" laufen. Der Wu-Tang Clan hingegen tritt in noch lebender Komplettbesetzung an, rappt sich anderthalb Stunden konzentriert um den Verstand ("Wu-Tang, Wu-Tang") und gewinnt den Wettbewerb um die meisten Bandshirtbesitzer im Publikum. Um den Auftritt Nick Caves zu beschreiben, benötigte es eigentlich eines eigenen Berichtes, er spielt nicht nur musikalisch, sondern auch vom Auftreten seit jeher in einer eigenen Liga und stellt dies in Paaren/Glien mit einer Best-Of-Setlist, die um viele Songs des aktuellen Albums "Push The Sky Away" ergänzt wird, eindrucksvoll unter Beweis. Da verzeiht man es schon mal, dass Herrn Cave mitten im Publikum Teile des Textes zu "Stagger Lee" entfallen, was durch "Oh Yeah" gepaart mit dem etwas entrückt wirkenden Anschreien der Zuhörer galant überspielt wird.


Die zweite Riege

Welche Bands wichtiger und sehenswerter als andere sind, mag abseits der Headliner angesichts der Vielfalt und den fehlenden Vergleichsmöglichkeiten schwer zu sagen sein. So bekommt jeder Besucher sicherlich individuelle Highlights, aber auch subjektiv viel Überflüssiges vorgesetzt. Am ersten Abend hat man unter anderem die Wahl zwischen Westbam, der kürzlich monierte, dass die Djs heutzutage zu wenig Drogen nehmen, den lärmenden Atari Teenage Riot, den Poppunkern von Fall Out Boy sowie der bayrischen Blaskapelle LaBrassBanda und den Festivaldauerbrennern Frittenbude. Letztere haben es allerdings nicht auf den gedruckten Timetable geschafft, was dazu führt, dass einige Besucher erst am Sonntag merken, dass sie was verpasst haben. Samstag gibt Alex Clare den Bühnenabschluss nach Bonaparte und Sonntag beweisen die Kaiser Chiefs, dass nicht nur wegen des Headliners der letzte der beste Festivaltag ist. Fragezeichen über dem Kopf löst dagegen der Mädchenchor Scala aus, dessen Auftritt trotz des Vielfaltanspruches arg deplatziert wirkt. Was allerdings sämtliche Outdoorbands eint, ist der gute Sound, den die Bühnentechniker hinbekommen. Anders dagegen sieht es in der Mehrzweckhalle aus, die als dritte Bühne genutzt wird. Hier klingen die Bands oftmals wie der sprichwörtliche Brei, bei Kvelertak versagt die Technik kurzzeitig sogar ganz. Trotz dessen liefern auch hier Bands wie Icona Pop, Japandroids oder Torche gute Shows ab. Lediglich ein paar mehr Besucher könnte das Greenville in die brandenburgische Wildnis locken, denn trotz Verstärkung einiger "Omas" ist bei nahezu jeder Band viel Platz vor der Bühne.


Kvelertak // Photo Credit: Mischa Karth


Atari Teenage Riot // Photo Credit: Mischa Karth


Das Flair

Entsprechend entspannt geht es auf dem Greenville Festival zu. Platz ist überall, Wasserstellen und Pools sorgen bei durchgängig 30°C im Schatten für Abkühlung und vor allem Menschen mittleren Alters verfolgen aufmerksam die Konzerte. Marodierende Jugendliche hätten sowieso angesichts der Dauerhitze spätestens in Brieselang entnervt aufgegeben – so hat die Abgeschiedenheit eben auch ihre Vorteile. Das kulinarische Angebot ist wie das Bandprogramm sehr vielfältig und gut. Ein halber Liter namenloses Greenvillebier kostet allerdings 3,50 Euro und geöffnete Tetrapacks sind auf dem Festivalgelände nicht geduldet, was angesichts der Temperaturen kein schöner Zug ist. Angenehm jedoch ist die Atmosphäre unter den Besuchern: Kein Stress, nirgends. Dazu tragen auch die kurzen Wege bei: Die Autos parken in der Nähe der Zelte, die Zelte stehen in der Nähe der Bühnen, und die Bühnen sind nah beieinander, allerdings nicht so nah, als dass man zwei Auftritten gleichzeitig lauschen müsste. Das sehr gemischte Publikum scheint seine Kräfte gut einzuteilen. Tanzend zu den Kaiser Chiefs, mitgehend bei Kvelertak, schwelgend und staunend bei Nick Cave.


Atmo // Photo Credit: Mischa Karth


Die Organisation

Nach all den Lobeshymnen müssen allerdings zur Organisation ein paar weniger blumige Worte verloren werden. Eine gute Organisation ist ja eine, die man nicht merkt und über die selten gesprochen wird. Auf dem Greenville allerdings scheint sich gegen Ende jedes zweite Gespräch darum zu drehen, was alles nicht funktioniert hat. Für diejenigen, die nicht per Auto oder Fahrrad angereist sind, beginnen die Probleme teilweise mit der Anreise und enden am Sonntag in einer Schlange von hunderten Personen, die auf die zwei (!) abwechselnd fahrenden Shuttlebusse wartet, während sich über ihr ein Gewitter entlädt. Auf dem Gelände wirken einige Securitys so desinformiert, als seien sie erst fünf Minuten vor den Besuchern angereist. Viele Kleinigkeiten, wie etwa die kurzfristige Verdopplung des Shuttlebuspreises, das Vergessen von Frittenbude auf dem Timetable oder die fehlende Kommunikation bei Bandverschiebungen sind in der Summe einfach der sprichwörtliche Tropfen, der das Fass für viele zum Überlaufen bringt, trotz eines Programms und eines Drumherums mit einer Menge Highlights. Gelingt es den Veranstaltern im nächsten Jahr, diese Probleme zu lösen und ein Programm zu finden, das mehr und mehr Besucher in die märkische Heide zieht, hat das Greenville das Potential, zu einer dauerhaften Alternative der überlaufenen Großfestivals zu werden.

Klaus Porst, Mischa Karth

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