Festival-Nachbericht

Fuchsbau Festival 2016


Während Festivals landauf, landab der Mainstreamisierung verfallen und alle zwei Jahre die gleichen Acts lobpreisen, versucht das Fuchsbau Festival nun schon im fünften Jahr, eine andere Geschichte zu erzählen und den Begriff des Festivals umzudefinieren. Zwischen Woodstock und Fusion.

Die Geschichte des Fuchsbau Festivals beginnt mit der Szenerie. Zytanien, ein kleines Dorf in der Nähe von Lehrte, in dem seit 1986 Aussteiger und Selbstversorger leben, ist die perfekte Location für ein Festival, das sich in der Utopie verortet und alternative Lebensformen und Gedankenansätze diskutieren möchte. In diesem Jahr wurde "Die Hitze des Gefechts" als Thema ausgerufen, das in verschiedenen kulturellen Formen gespiegelt werden sollte: von klassischer Musik über Indie- und elektronische Musik bis hin zu Lesungen, Installationen und Kunst-Performances. Sie alle umkreisten mehr oder weniger direkt die symbolischen und reellen Kämpfe, denen sich unsere Gesellschaft stellen muss. Eine Thematik, der in diesen unruhigen Zeiten eine besondere Relevanz innewohnt und die Denkanstöße für gesellschaftliche Debatten in der Zukunft liefern soll, die neu verhandelt werden muss und uns befähigt, Veränderungen aktiv mitzubestimmen. Entsprechend breit war das Publikum aufgestellt. Liebhaber elektronischer Musik, Geisteswissenschaftler, Theoretiker, Aktivisten, Kiffer, jugendliche Flunkyballprolls und Biertrinker oder gar kleine Kinder konnte man auf dem Campingplatz und dem Gelände finden. Die Stimmung? Ähnlich einer riesigen Kommune. Man achtet aufeinander, in diesem kleinen utopischen Dorf, in dem man drei Tage lang fernab der Realität sein Dasein als Teilzeitaussteiger fristen darf, bevor es zurück geht in die Hörsäle oder Agenturen.

Highlights herauszupicken, fällt schwer. Der energetische Auftritt von Me And My Drummer am Freitagabend gehört sicher dazu. Ebenso wie die Auftritte von Le1f, Sevdaliza und der jungen norddeutschen Philharmonie, die Kunstwerke und Installationen auf dem gesamten Gelände sowie der industrielle Charme des Geländes selbst. Beeindruckend auch, wie sich das Kettenkarussell zur späteren Stunde als Geheimtipp entpuppte für die irgendwie erfrischend unironische Zelebrierung der Popmusik der 80er und 90er.

Doch abseits des positiven Hedonismus und der utopischen Rahmenhandlung des Fuchsbaus gibt es auch Kritikpunkte. Dass ein solches Festival hier und da organisatorische Hürden noch nicht ganz professionell meistert, sei erwähnt, aber geschenkt. Letztlich ist es ja eben auch eine gewisse Unperfektheit, die das Fuchsbau ausmacht und es so charmant macht. Allerdings definiert das Festival sich – und hier setzt einer der Hauptkritikpunkte an – als 3-Tages-Festival, geht jedoch nur schwerlich als solches durch. Zum einen wären da die Öffnungszeiten des Campingplatzes genannt, der um 13 Uhr am Freitagnachmittag öffnet, um bereits um 19 Uhr am Sonntagabend zu schließen. Jene Gäste, die also nicht aus dem Hannoveraner Umland kommen, sind gezwungen, bereits am Sonntag die Zelte abzubrechen und eine mehr oder weniger lange Heimfahrt anzutreten. Da eine Anreise vor Freitagmittag nicht möglich war, dürfte der Samstag als einziger vollwertiger Festivaltag gelten. Nicht zuletzt, weil das Programm am Sonntag bereits um 17 Uhr endet – zwei Stunden, nachdem den ersten Food-Ständen die Zutaten ausgingen und die Getränkestände nur noch schales und teilweise warmes Bier verkauften. Das wiederum verfestigte nur den Eindruck, dass der Sonntag auch von Organisatorenseite nicht mehr als vollwertiger Tag behandelt wurde. Alles in allem: Sehr schade.

Das Fuchsbau ist in seiner Grundkonzeption ein sehr empfehlenswertes Festival. Eine Auszeit vom gesellschaftlichen Trott, eine Art Freeze-Zustand, in dem man die Lage der Welt diskutieren und sich ein Wochenende lang in einer Utopie wähnen kann, die mit dem ersten schalen Bier am Sonntagnachmittag jedoch jäh beendet wird. Sollten die Kritikpunkte im nächsten oder den darauffolgenden Jahren in Angriff genommen werden, ist das Fuchsbau auch für Nicht-Hannoveraner eine echte Alternative – musikalisch, organisatorisch sowie konzeptionell.

Andreas Peters

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