Festival-Nachbericht

Friction Festival


Festivalvorfreude. Eigentlich ein schönes Gefühl. Es geht wieder los, das tagelange Musikgenießen. Bei einem der ersten Festivals dieses Sommers schwang allerdings immer auch Skepsis mit: Einerseits der lobenswerte Ansatz des Festivals, das gut besetzte Lineup, andererseits Befürchtungen seit Bekanntgabe des Spielplanes: Nahezu alle Bands der zweiten und ein großer Teil derer auf der Hauptbühne bekamen nur 30 Minuten Spielzeit. Künstler wie Grails, Leech, Monotekktoni usw. – verheizt, bevor es richtig losging? Bereits im Vorfeld lief so manches nicht nach Plan: Wenige Tage vor dem Beginn des Festivals, das eigentlich im Astra Kulturhaus und im nahegelegenen Cassiopeia stattfinden sollte, meldeten sich zudem die Veranstalter mit einer Erklärung zu Worte. Man könne das Cassiopeia nicht nutzen und müsse daher die zweite Bühne im Foyer des Astra aufbauen. Begründung: Das Astra hatte Angst um seine Thekenumsätze und verlangte diese Änderung. Zudem verkündete man zwei Tage vor Beginn eine krude Türpolitik – jeder Gast dürfe gegen Stempel einmal pro Festivaltag das Gelände wieder verlassen und betreten, nicht öfter.

Der erste Eindruck, Freitag kurz nach fünf: Die kleine Bühne ist wirklich klein. Das kurzfristig geschaffene Provisorium war tatsächlich zwischen Eingangstür und Durchgang zur Haupthalle hingestellt worden. Der Weg einer Freiheit spielten gerade, es klang zunächst wenig ansprechend. Dass dies auch zu einem gute Teil an der Bühne selbst lag, war erst später bei den Bands zu bemerken, bei denen man wusste, wie sie normalerweise auftreten. Kurzum: Es war eine Strafe für die Künstler, am Freitag dort spielen zu müssen. Der Sound war dünn, es fehlte an jeglichem Bass, an Lautstärke und sobald auf der Hauptbühne Soundcheck für die nächste Band begann, konnte man den Auftritt auf der zweiten Bühne eigentlich vergessen. Irgendwann wollte dann auch die Technik nicht mehr, während Arms & Sleepers machte sich in den ersten Reihen ein deutlicher Geruch von angesengten Kabeln breit.

Das komplette Gegenteil dieses Schreckensszenarios konnte man auf der Hauptbühne erleben. Hier war der Sound perfekt, die Auftritte allesamt sehens- und hörenswert. Die Franzosen Hacride, eine der Entdeckungen des Freitags. Metal, irgendwo zwischen Tool, Meshuggah und Opeth. Einziges Manko sollte die kurze Spielzeit sein, denn es dauerte ein wenig, eh sie sich warmgespielt hatten. Die folgenden Master Musicians Of Bukakke wirkten wie Sunno ))) in der „light“- Variante. Das heißt vor allem: Nebel, viel Nebel. Dazu waren die Musiker teils mit Imkerhüten, sowie teils südamerikanischen Masken und langen Kutten bekleidet. Musikalisch erinnern die Musicians ebenfalls an Sunno))) aber auch an Grails oder OM. Mit den Wolves In The Throne Room stand wenig später eine Black-Metal-Band auf der Bühne. Nicht jedermanns Fall und so wurde die Zeit damit zugebracht, sich einmal dem ausgiebigen Plattenangebot am Merchandise und einer „Bratwurst aus Tier“ zu widmen.

Zum ersten Mal etwas voller wurde es im Astra, als die Berliner Lokalhelden The Ocean ihr neuestes Album „Heliocentric“ komplett live präsentierten. Ein guter Auftritt, wenngleich die eingesetzten Streicher nicht immer passend wirkten, sondern manchmal den Sound etwas überfrachteten und die Stärken des neuen Sängers eindeutig nicht im cleanen Gesang liegen. Dafür konnte er an den richtigen Stellen dem druckvollen Metal durch Shouten genau das richtige Maß an Aggressivität vermitteln. Als großer Kindergeburtstag für über 40jährige biergeformte Metalväter erwiesen sich dann Entombed. Nach dem Motto "Stumpf ist Trumpf" war einfach gestrickter Partymetal mit einem kleinen, dicken Troll als Frontsau zu hören, der für einige geschüttelte Matten sorgte. „Wer sich erinnern kann, war nicht dabei“. Ein schöner Spruch und die passendste Beschreibung überhaupt für den Abschluss des Freitags, Bohren und der Club of Gore. Lediglich eine Handvoll Gestalten irrte noch in der Halle umher, viele schliefen an Ort und Stelle ein, jeder Schritt musste mit Bedacht getätigt werden. Für viele war der doomige Jazz nachts um eins einfach zu viel. Für einige allerdings auch zu wenig: An einigen Stellen hatten Besucher den Konzertraum mit der Bar verwechselt und mussten ihre „Mein Haus, Mein Auto, Mein Leben“- Gespräche ausgerechnet dort führen, wo eine Kapelle spielte, die absoluter Ruhe im Raum bedarf. Den Heimweg begleiteten sehr gemischte Gefühle und Hoffnungen für Samstag.

Der Beginn des zweiten Tages versprach zunächst nichts Gutes. Während des Betretens klangen die Postrocker Kam:as, wie man von der kleinen Bühne gewohnt war. Auf der Hauptbühne waren gerade Grails mit dem Soundcheck beschäftigt, bei dem mehrmals ein Stecker ein lautes Knacken verursachte. Das Problem konnte auch bis zum Konzert nicht gelöst werden, so dass es mehrmals zu stimmungszerstörenden Lärmeffekten kam. Grails boten einen Kurzquerschnitt ihres Schaffens, für den die 30 Minuten viel zu knapp bemessen waren. Beim Verlassen des Hauptsaales bot sich jedoch eine Überraschung: Huch, die Band auf der zweiten Bühne klingt gar nicht mal so übel. Es war den diensthabenden Technikern scheinbar wirklich gelungen, für Elyjah nicht nur einen ansatzweise akzeptablen, sondern sogar sehr guten Sound zu schaffen und das nicht nur für diese, sondern auch die folgenden Leech, Tephra und Taint.

Nachdem Long Distance Calling ihren ausufernden Postrock (drei Stücke in dreißig Minuten) und die an Monkey3 erinnernden Schweizer Leech ein mitreißendes Set gespielt hatten, betraten Crippled Black Phoenix die Hauptbühne. Was nun folgen sollte, ließ noch weit nach Ende einige Festivalgänger im Saal verharren. Eigentlich als Postrockband verschrien, mischten sie starke Einflüsse von 70er-Rock von Pink Floyd bis Deep Purple inklusive ausgedehnter Gitarrensoli unter ihr Set. Großartig auch, ein knappes halbes Dutzend Gitarristen und Bassisten gleichzeitig auf der Bühne spielen zu sehen. Zum ersten Mal überhaupt war auch eine merkbare Kommunikation zwischen Musikern und Zuschauern zu spüren. Allein für Crippled Black Phoenix hätte sich der (Samstags-)Eintritt gelohnt.

Olafur Arnalds muss man mögen, um ihn zu mögen. Für die einen mag seine an Sigur Rós und sonstige Isländischen Konsorten erinnernde Klangkunst aus seichtem Elektro und vielen Streichern emotional, ergreifend, zart oder schön sein, für nicht wenige andere ist das Ganze schmalzig und langweilig. Er wirkte auch im Kontext des Line Ups irgendwie deplatziert. Einen schönen Gegensatz dazu stellten die direkt darauffolgenden Tephra da, die die aus der Halle strömenden isländischen Feen und Geister mit einem Riff niedermachten. Was brachialen Post-Hardcore aus Deutschland angeht, sind Tephra eine ziemliche hohe Hausnummer. Der Samstag hatte es wirklich in sich, kaum eine Verschnaufpause war den Ohren gegönnt. Auch The Black Heart Procession erwiesen sich als sehr taugliche Liveband mit Highlight „mit Bogen gespielter Säge“. Die Kalifornier bewiesen, dass Folk und Country nicht zwingend nur bärtige Männer mit Akustikklampfen bedeuten müssen. Der staubtrockene Wüstenrock im langsamen Takt passte im Gegensatz zu Olafur Arnalds sehr gut ins Programm.

Irgendwann, spät nach Mitternacht. Der Körper macht schlapp. Der Kopf ist übersättigt, die Beine wollen auch nicht mehr stehen, dabei warten noch zwei vielversprechende Bands: Efterklang und Amen Ra, wovon besonders letzte exzellenten Ruf haben, was Livequalitäten angeht. Aber dann das: Efterklang sind toll, fröhlich, bunt, lebensbejahend. Man kann sich wunderbar vorstellen, dazu an einem Nachmittag auf einer Wiese zu tanzen. Aber mitternachts in einer dunklen Halle? Nein, das passt nicht mehr. Lieber die schönen Eindrücke des Samstags noch einmal an den verschiedenen Ecken einsammeln, zusammenpacken und mit nach Hause nehmen.

Klaus Porst

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