Festival-Nachbericht

Berlin Festival


"Welcome To Berlin" heißt es im "In Your Pocket Planner Thing" und wer auf Nummer sicher gehen möchte, dass der Nachbar versteht, was man will, der versucht sich in Englisch oder gleich Spanisch. Willkommen auf dem Berlin Festival, einem der wohl internationalsten europäischen Festivals.

Zwei Tage im September öffnen sich die Tore und Hangars des ehemaligen Flughafens Tempelhof für das musikalisch interessierte Publikum. 15.000 Besucher sahen dieses Jahr einerseits Künstler wie Suede, Wire, Die Beginner, dEUS, Primal Scream und Mogwai, andererseits aber auch ein buntes Treiben auf dem Gelände selbst. Was uns direkt zu der Frage führt: Braucht ein Festival eigentlich einen Autoscooter und einen Showroom eines großen Autoherstellers, bei dem ein Modell in etwa so viel kostet wie die Headliner? Und das direkt neben Graffitikünstlern, die sich Themen wie Sozialproblemen, Finanzkrise und so weiter widmen? Aber genug der "Kunst vs. Kommerz"-Überlegungen, was zählt, sind schließlich die Töne.

Es ist Freitagnachmittag und das Berlin Festival reiht sich in die diesjährige Linie deutscher Schlechtwetterfestivals ein. Es regnet, es ist kalt – gerade bei einem Festival, bei dem nicht gezeltet wird, ist der Entschluss leicht, die ersten paar Bands sausen zu lassen. Die frühen Austra und James Blake werden so von vielen verpasst, die wenigen, die da waren, können sich erster Highlights erfreuen. Richtig geweckt wird der geneigte Besucher 18.30 Uhr von den wahnsinnig lauten und lärmenden HEALTH. Symptomatisch für die Show sei der 2m-Gitarrist genannt, von dem die Zuschauer im Laufe des Auftritts nur die wehende Haarmatte zu sehen bekommen. HEALTH versprühen eine unglaubliche Energie, die aus purem Bühnenchaos entsteht. Nebenan spielen gleichzeitig CSS, deren Pop dagegen belanglos wirkt.

Ähnlich brachial waren auch die Battles; wer sie vor Jahren mal gesehen hat, war zunächst überrascht: Klare Strukturen, sich ständig wiederholende, nie langweilende Muster, jede Menge Melodik – die neuen Battles sind irgendwo zwischen Archive und Ghinzu anzutreffen. Bedingt durch das Fiasko letztes Jahr entschlossen sich die Veranstalter 2011 dazu, die Hangartüren der übrigen Bühnen zu öffnen, was einerseits dazu führte, sehr kurze Wege zu schaffen – das Sehen von und "Reinhören" in parallel spielende Bands wurde daher ohne Probleme möglich. Andererseits ging die Öffnung sehr zu Lasten der Clubatmosphäre und des Sounds der einzelnen Bühnen. Insbesondere Hercules & Love Affair haben mit beidem zu kämpfen: Es ist deutlich zu leise. Auch Santigold hat vermeintliche Soundprobleme, die zu einer Verschiebung des Konzertes um knapp eine Stunde führen – und das, obwohl ein recht großer Teil der alles andere als überzeugenden Show direkt vom Band kam. Im Gegensatz dazu führen Primal Scream ihr 20 Jahre altes Werk "Screamadelica" in neuer Frische auf.

Zu später Stunde hat das an diesem Tag für Festivals überraschend ältere Publikum die Wahl: 90s Britpop (Suede), Altherrenpunk (Wire) oder Elektronikpioniere (LFO)? Suede wären toll, wenn es gerade 25 Grad, Sonne und schönes Wetter gäbe und nicht 12 und klamme Kälte. Wire haben einen soundtechnisch schlechten Tag erwischt und für LFO fehlt irgendwie die Motivation. Was also tun? Die Antwort ist Boy George! Dieser spielt zusammen mit einigen Elektrogrößen in der Arena Berlin im Rahmen des Club X-Berg. Nach spannender Busfahrt durch Berlin stehen vier Floors im weitläufigen Spreeareal der Arena zur Auswahl. Die Entscheidung fällt pro Kruder & Dorfmeister, die zwar eine optisch schöne Show liefern, aber mit ihren eher entspannten Beats den Festivaltag gerade dazu einladen, sich in den Beinen bemerkbar zu machen.

Nächster Tag, gleiches Bild: Wieder sind Austra recht früh dran – wieder zu früh für einen Großteil des Publikums, gerade für jene, die bis morgens um 7 im Club X-Berg tanzten. Firefox AK sei vom Frühprogramm erwähnt – wer weiblichen Indie der Marke Bat For Lashes mag, wird auch hier Gefallen finden. Kurz danach sind die Erwartungen an Aloe Blacc hoch, denen er leider nicht ganz gerecht werden kann. Gut und "ganz nett" ist dessen von Soul und klassischem R'n'B geprägter Auftritt schon, was man jedoch vermisst, sind weitere Stücke, die mit der Dynamik und Spritzigkeit von "I Need A Dollar" und "Loving You Is Killing Me" mithalten können.

Kraftklub bekommen im Vorbeigehen den Stempel "nerviger Klon der schon unsäglichen Audiolithbands" aufgedrückt und The Naked & The Famous entpuppen sich nach gutem Beginn als schlimmste Kopie der Sounds. The Black Angels sind toll, leider kann dies an diesem Abend niemand hören, denn so wie zu scharfes Essen jeden Geschmack tötet, ist das, was dort aus den Boxen schallt, einfach nur laut. Beirut gehören wohl, was Erwartungen und Fans angeht, zu den heimlichen Headlinern des Festivals und öffnen so manchem Besucher mit einer trotz Hauptbühne intimen Show das Herz. Nebenan reißen Buraka Som Sistema den stimmungstechnisch krassesten Auftritt des Festivals. Der einzige, der nach dem Auftritt nicht völlig verschwitzt die Kleidung wechseln sollte, war wahrscheinlich die Person hinterm Mischpult.

Schwierige Entscheidungen auch auf der Zielgerade: Boys Noize oder dEUS, Beginner oder Mogwai. Wir wählen drei aus vier: Zuerst eine halbe Stunde abspacken bei Boys Noize und die Erkenntnis, dass es schon ein wenig lustig aussieht, wenn einem herumspringenden Techno-DJ der Ton ausfällt und er es nicht merkt. Dann bei dEUS die Frage, warum man bei einem Festivalauftritt auf Hits verzichtet und größtenteils ein noch nicht erschienenes Album spielen muss. Die Antwort auf diese Frage: Weil es völlig egal ist, wenn danach Mogwai spielen. Diese liefern nicht nur DAS Konzert des Festivals, sondern auch einen Abschluss, nach dem jeder, der da war, weiß, warum er da war.

Klaus Porst

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